Liebe ist kälter als der Tod

Rainer Werner Fassbinder im Gespräch mit Ingeborg Weber

KÄLTER ALS DER TOD ist ein Gangsterfilm, ein Film über die Liebe und über die Gewalt…

„Ohne Liebe gäbe es keine Gewalt. Die Gewalt entsteht durch den Missbrauch von Liebe; Liebe, die ja stets gleich Besitzansprüche stellt, Liebe, die kälter ist als der Tod.“

Gibt es denn keine, wie man so schön sagt, echten Gefühle?

„Mein Film ist ein Film gegen Gefühle. Denn ich glaube, dass alle Gefühle missbrauchbar sind und auch tatsächlich missbraucht werden.“

Und doch geht der, der kein Gefühl zeigt, als erster drauf. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

„Jemand wir Bruno, der Aktionen macht, der Politik macht für das Syndikat, scheitert zwangsläufig an den Gefühlen der anderen.“

Würden Sie diese Hypothese auch verallgemeinern?

„Ja. Jeder, der Politik so zu machen versucht wie bisher, der wird scheitern. Wenn man Dinge ändern will, genügt es nicht, Bewusstsein zu entwickeln. Man muss zu allererst im persönlichen Bereich die Ausbeutung der Gefühle verhindern.“

Sie haben Ihren Film Claude Chabrol, Jean-Marie Straub, Eric Rohmer sowie Linio und Cuncho gewidmet. Wieso?

„Chabrol strebt, wie ich, gesellschaftliche Veränderung an, indem er ganz unten anfängt, indem er Gefühle analysiert. Von Straub habe ich gelernt, wie ein Film stilistisch entwickelt werden kann, von Straub habe ich Theorien übernommen. Rohmers Film IM ZEICHEN DES LÖWEN hat mich besonders beeindruckt. Ja, und Linio und Cuncho heißen die beiden Protagonisten in Damiano Damianis Film TÖTE AMIGO. Als ich im Winter zusammen mit Ulli Lommel TÖTE AMIGO gesehen hatte, da entschlossen wir uns, gemeinsam einen Film zu machen: KÄLTER ALS DER TOD.“

(Anmerkung: Der Film trug bei der Uraufführung noch den Titel KÄLTER ALS DER TOD.)

Stuttgarter Zeitung, 25. Juni 1969

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