Karge Ballade von den armen Leuten

Zu R.W. Fassbinders Film „Liebe – kälter als der Tod“ im Arco-Palais

Von den bisher fünf Spielfilmen des Rainer Werner Fassbinder ist sein vor knapp einem Jahr gedrehter Erstling, LIEBE – KÄLTER ALS DER TOD, der radikalste und den Usancen der Kinoindustrie gegenüber am unbeugsamsten sich gebährende. Und zugleich ist er, wie von einer heimlichen Sehnsucht nach ihren Möglichkeiten erfüllt, auf eben diese Kinoindustrie bezogen, ja geradezu fixiert an sie.
Einher kommt er wie ein alles um sich vergessendes, seine Herkunft, seine Bindungen an das Kino negierendes, esoterisches Kunstwerk und ist dennoch unlösbar verhaftet dem Genre des Gangsterfilms, dessen Gesetzmäßigkeiten er schon penibel erfüllt. Scheinbar unbekümmert um die Story reiht er emotionslose, kühle Bilder aneinander, in denen zu Schemen reduzierte Figuren sich langsam, leblos wirkend bewegen, getrieben von rätselhaften, undurchschaubaren Motiven, und hat dennoch vor allem sie, die Story, im Sinn, wenn sie sich auch in einigen wenigen knappen Gesten und Sätzen eher versteckt denn mitteilt, eine Story, die wie Stories sonst auch die Motive klärt und den Figuren Individualität gibt. (…) Doch dadurch, dass einem die Geschichte nicht in den Schoß fällt wie sonst im Kino, dass man ihr auflauern muss, achtend auf jedes Wort, auf jede noch so subtile Bewegung, erhöht sich unter dieser Anstrengung die Sensibilität und mit ihr das Denkvermögen. Und unter dem so geschärften Blick verlieren diese kühlen, esoterischen Bilder ihren Glanz und diese zu Schemen stilisierten Figuren ihre befremdende Künstlichkeit. Das nackte Elend als bestimmender Faktor wird offenbar.
Franz und Bruno (Fassbinder und Ulli Lommel), das sind nicht Nachfahren der großen einsamen Gangster des amerikanischen Films, sondern armselige Burschen, die nur mit der Faust sich auszudrücken vermögen oder mit dem Revolver, und Joanna (Hanna Schygulla) ist kein Glamourgirl, sondern eine geduckte, getretene Kreatur, die sich verkauft, um sich später dafür ein bürgerliches Glück kaufen zu können, alle drei „arme Leute“, wie Fassbinder sagt, „die nichts mit sich anfangen können, keine Möglichkeit haben, nie auch nur die Möglichkeit hatten, etwas zu lernen“.
Über LIEBE – KÄLTER ALS DER TOD ist bei seiner Aufführung während der letztjährigen Filmfestspiele in Berlin viel Böses oder zumindest Verständnisloses gesagt und geschrieben worden. Und das ist nicht verwunderlich. Denn dieser Film, hergestellt mit einem Budget, das in den Kalkulationen anderer Filme gerade für die Rubrik „Trinkgelder und Sonstiges“ ausreichen würde, macht keinen Hehl aus seinen armseligen Produktionsbedingungen, tritt dennoch in Konkurrenz zu den Überflussfilmen, erhebt Anspruch auf deren Markt, indem er sich einreiht in das gut verkäufliche Genre des Gangsterfilms, ohne auch nur im entferntesten die Normen zu erfüllen, die die Industrie für Filme dieser Art aufgestellt hat und vom Publikum längst als verbindlich akzeptiert sind. Zwar liefert LIEBE – KÄLTER ALS DER TOD all die für den Filmtypus charakteristischen Ingredienzien wie Sex, Mord, brutale Schlägereien und den großen Coup, doch nicht so dargeboten, wie es sich „gehört“, auf sensationelle Weise perfekt, aufreizend, emotionierend, stellt sie vielmehr nicht sonderlich groß heraus; einige der Brutalitäten sind gar nicht sichtbar, geschehen außerhalb des Bildes, andere, die zu sehen sind, wirken etwas mickrig, schon gar nicht dramatisch.
Es provoziert und sicher auch ist es frustrierend, dass hier bei einem Gangsterfilm die Show nicht läuft, die Gangster nicht mit hohem fachlichen und artistischen Können brillieren. Denn LIEBE – KÄLTER ALS DER TOD ist nicht eins jener Industrieprodukte, die zusammenmontiert sind aus mit maschineller Präzision gefertigten Einzelteilen, die nichts voneinander wissen und schon gar nichts von dem Zweck, für den sie gefertigt sind. LIEBE – KÄLTER ALS DER TOD ist, wenn man so will, eher ein handwerkliches Erzeugnis, unbewusst wohl ausgerichtet nach den Normen der Industrie, doch zur Wahrhaftigkeit geradezu gezwungen durch seine elenden Produktionsverhältnisse, die den Verhältnissen entsprechen, unter denen lebend es seinen Protagonisten nicht gelingt, etwas anderes zu sein als „arme Leute“.

Joachim von Mengershausen

Süddeutsche Zeitung, 7. April 1970

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