Rainer Werner Fassbinder über seinen Film FONTANE EFFI BRIEST

Aus einem Gespräch mit Corinna Brocher

EFFI BRIEST wird in Schwarzweiß gedreht. Warum?


Ich finde, dass Schwarzweiß die schönsten Farben sind, mit denen man Filme machen kann. Der Umgang mit dem Medium Film ist in Schwarzweiß viel ernsthafter als in Farbe, weil man sich in Schwarzweiß wirklich was überlegen muss, was man mit Licht und was man mit Bildern macht. Das ist in Farbe nicht so sehr nötig, weil die Farben an sich schon eine Wirkung hergeben.

Sind die Dialoge aus dem Buch von Fontane übernommen?


Das ist exakt Fontane. Es sind nicht alle Dialoge, die in dem Buch sind, auch im Film, aber innerhalb von Szenen ist nichts weggelassen.

Ist EFFI BRIEST eine Literaturverfilmung?


Ja, eine der wenigen, die es gibt.

Aber es gibt doch sehr viele: Visconti drehte TOD IN VENEDIG nach Thomas Mann, George Moorse LENZ nach Büchner, Johannes Schaaf TROTTA nach Joseph Roth, Geissendörfer den CARLOS frei nach Schiller, Noelte mit Maximilian Schell DAS SCHLOSS nach Kafka...


Ich kenne fast keine. Ich kenne von Straub NICHT VERSÖHNT. Für mich ist das ein Versuch, eine Literaturverfilmung zu machen. Die Literatur muss das wirkliche Thema des Films sein.

Was heißt das für EFFI BRIEST?


Ich finde das den spannendsten Roman, den Fontane geschrieben hat, bei dem es aber nicht mehr nötig ist, allein die Story zu erzählen, die kennt fast jeder schon. Man kann wirklich was anfangen mit dem, was auf dem Papier steht. Wenn ich einen von den anderen Romanen verfilmt hätte, wäre ich möglicherweise auch wieder auf dieses simple Eine-Geschichte-Erzählen verfallen und hätte nicht den Versuch einer Literaturverfilmung gemacht.

Und wie wird dieser Versuch aussehen?


Ich meine, man soll an dem fertigen Film ganz klar merken, dass das ein Roman ist und dass an dem Roman nicht das Wichtige ist, dass er eine Geschichte erzählt, sondern wie er sie erzählt. Die bisherigen EFFI BRIEST-Verfilmungen zeigen sehr wenig von der Zeit und von Fontanes Sicht dieser Zeit. Ich finde das verkehrt, es sollte immer spürbar sein, dass das eine von jemand einmal erzählte Geschichte ist. Das Wie und Warum die Geschichte so erzählt worden ist, muss sich durch den Film übertragen.

Warum sind Sie auf Fontane gekommen?


Ich glaube schon, dass mich dieser Fontane auch interessiert, weil ich finde, dass das mit meinen Erzählweisen zu tun hat.

Wo sehen Sie Ähnlichkeiten?


Der Fontane hat, ähnlich wie ich, so eine Sicht der Welt, die man sicherlich verurteilen kann: nämlich, dass die Sachen so sind, wie sie sind, und dass man sie so schwer verändern kann. Obwohl man begreift, dass man sie verändern müsste, setzt irgendwann mal die Lust aus, sie zu verändern, und man beschreibt sie dann nur noch.
Und das ist das, was mich an Fontane so fasziniert: dass Fontane jemand ist, der ganz genau weiß, was alles nicht stimmt an seiner Gesellschaft, in der er lebt und die ihn auch bestätigt hat als Dichter, und der trotzdem nicht umhin kann, diese Gesellschaft zu akzeptieren, deren Form er als falsch begriffen hat. Und nichts anderes tue ich oder tun wir heute, mehr oder weniger bewusst.

Stuttgarter Zeitung, 1.12.1972

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